Vielen Menschen, denen wir von unserer bizarren Freizeitgestaltung erzählen, steht die Überraschung deutlich ins Gesicht geschrieben. Jedoch weniger, weil sie noch nie etwas von fechtenden Studenten vernommen haben, sondern vielmehr, weil es diese noch gibt. Häufig ist bekannt, dass das akademische Fechten ‚zu Kaisers Zeiten’ zum Studentenleben dazugehörte, quasi ‚normal’ war. Doch sind fechtende Studenten eine Erfindung des 19. Jahrhunderts? Wer kam als erstes auf die absurde Idee, in einem Kampfspiel mit blankem Stahl seinen Mut zu beweisen?

273_grZwar kann letztere Frage nicht beantwortet werden, doch steht fest, dass, solange es Universitäts-Studenten gibt, diese auch fochten. Das lag vor allem daran, dass die ersten dieser Art Scholaren häufig Aristokraten waren und somit schon aus Standesbewusstsein erstens Waffen trugen und zweitens mit diesen auch Ehrensachen ausfochten. Neben Adligen waren aber auch bürgerliche Körperschaften, so zum Beispiel Handwerksinnungen und Fechtergesellschaften (bspw. die Marx-Brüder) wehrhaft, die sich zur Ausbildung ihrer Mitglieder auch Fechtmeister anstellten und Schaufechtereien (erstmals 1397 während des Reichstages in Frankfurt/ Main) veranstalteten.

1415: Studenten dürfen Waffen führen

So lag es auf der Hand, dass sich auch bürgerliche Studenten das Waffenprivileg erstritten. Im Jahre 1514 gestattet Kaiser Maximilian I. das studentische Waffentragen und weitete somit das ursprünglich adlige Recht auch auf bürgerliche Studenten aus. Damit verfolgte er weniger das Ziel, studentische Duelle zu fördern, sondern vielmehr die Reise von einer Uni zur anderen für die Studenten sicherer zu machen. Dennoch war es von der Genehmigung, Waffen führen zu dürfen, nur noch ein kleiner Schritt zur Ausbildung eines eigenen Standesbewusstseins der Studenten und einer eigenen ‚Scholarenehre’; die beste Vorraussetzung, um tatsächliche oder imaginierte Beleidigungen untereinander auszufechten.

Vom Hieb- zum Stoßfechten

Während unter Studenten ursprünglich noch das alte Hiebfechten praktiziert wurde, ging im Verlauf des 16. Jahrhunderts die Aristokratie schon zum aus dem romanischen Raum kommenden Stoßfechten – wie man es heute noch vom Sport kennt – über. Dazu war kein schweres Schwert, sondern ein leichterer Degen nötig. In der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts nahmen auch die Studenten den spanischen Korbdegen als Waffe an, der sowohl zum ‚Hieber’ als auch zum Stoßfechten taugte. Um die Jahrhundertwende des 16. & 17. Jahrhunderts wurde dann das Stoßfechten Usus unter den Studenten, konnten die Partien doch so auch in Studentenbuden unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausgetragen werden. Die Landesherren versuchten stets das Duellieren der Studenten zu unterbinden, hatten sie doch kein Interesse daran, dass sich die ohnehin personell dünne intellektuelle Elite ihres Landes gegenseitig dezimierte.
Da das Stoßfechten wesentlich mehr Übung erforderte als das alte Hiebfechten, wurden mehr und mehr akademische Fechtmeister eingestellt (erstmals in 1558 in Jena), was natürlich nicht nur das Waffentalent der Herren Studiosi, sondern auch die Duellhäufigkeit derselben drastisch erhöhte. Aus diesem Grunde sahen sich die Obrigkeiten von Uni und Land immer wieder bemüßigt, durch Edikte der Duellwut der angehenden Akademiker Einhalt zu gebieten. Dem blieb jedoch wenig Erfolg beschieden.

Die ersten Duell-Regeln veränderten ebenfalls das Fechten in dieser Zeit. So wurde nun zum Beispiel auf die Gleichwertigkeit der Waffen geachtet; die Person des Sekundanten (1578) taucht in den Quellen erstmals auf. Ebenso der Begriff ‚Mensur’ (1600), der jedoch noch nicht den Zweikampf an sich bezeichnete, sondern lediglich den Abstand der beiden Kontrahenten bzw. den am Boden markierten Bereich, in welchem sich diese während der Partie bewegen durften. Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts hatte sich das Stoßfechten im gesamten deutschsprachigen Raum durchgesetzt, was zweifellos auch mit der ‚Massenbewaffnung’ durch den 30jährigen Krieg, aber auch dem zunehmenden Zauber aristokratischer Verhaltensmuster im beginnenden Absolutismus zusammenhing. Obwohl das studentische Duellieren in allen deutschen Staaten verboten und offiziell mit härtesten Strafen, auch mit dem Tode, geahndet wurde, „passten sich viele Universitäten den Bedürfnissen ihrer Wunschklientel an, stellten Fechtmeister an und richteten Fechtböden ein <…>“ (Frevert, U.: Ehrenmänner., S.135).

275_grAuch wenn es schon erste festere Regeln des Fechtens gab, wurden die meisten Partien bis Ende 18./ Anfang 19. Jahrhundert meist als Recontre (ad hoc an Ort und Stelle) ausgetragen. Das lag auch daran, dass das geringer bestraft wurde als abgesprochene Zweikämpfe (heute wiegen Effekthandlungen juristisch auch geringer als geplante Taten). Mit Beginn des 19. Jahrhunderts fand der Säbel seine flächendeckende Verbreitung in Europa, womit auch in studentischen Kreisen eine Bewegung hin zum alten deutschen Hiebcomment begann, auch um die Zahl der schweren Verwundungen und Toten beim Stoßcomment zu reduzieren. „Das Hiebfechten wurde anscheidend von Göttingen aus seit 1760 wieder stark verbreitet“ (Hunger, E. & Meyer, C.: Studentisches Brauchtum, S.72). Dennoch wurde auch im 19. Jahrhundert noch auf Stoß gefochten, nachweislich bis um 1861 (Würzburg). Den letzten Toten gab es dabei wohl 1847 in München.

Pro Patria Suite (aus Krause, P.: O alte Burschenherrlichkeit., S.128f.)
„Neu aufgekommen ist um 1800 die ‚Pro Patria Suite’ (PP-Suite), wobei unter Patria die jeweilige Verbindung zu verstehen ist. Eine mögliche Deutung ist, anknüpfend an das Gedankengut des 18. Jahrhunderts, dass bei Beleidigungen einer Landsmannschaft zugleich auch deren Vaterland als beleidigt anzusehen war und sie daher Genugtuung ‚pro patria’ forderte. <...> Heute ist mit einer PPS die Regelung von Ehrenangelegenheiten nicht mehr möglich, sondern sie ist vielmehr eine bestimmte Reihe verschiedener Bestimmungsmensuren.“

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts begannen viele Studentenverbindungen ihre Fechtregeln schriftlich zu fixieren. In diesen ‚Comments’ wurde nicht nur penibel jede Form der Beleidigung nebst der notwendigen Reaktionen definiert, sondern auch festgeschrieben, wer ihrer Diktion zufolge ‚satisfaktionsfähig’ sei. Das waren neben Offizieren und dem Adel vor allem andere Verbindungsstudenten. Die korporierte Studentenschaft adaptierte in ihrem Ehrbegriff den aristokratischen point d’honneur und zeigte sich stets bemüht, durch konsequent forsches Auftreten viele Partien auszuhandeln, um so Ansehen und Ehre des jeweiligen Bundes zu mehren.

Frevert, U.: Ehrenmänner., S.148.
„Unter dem Einfluss der Korporationen, die als Hüter des Comments und der Waffen auftraten, entwickelte sich das studentische Duell nicht nur zu einem Markenzeichen akademischer Kultur, sondern nahm darüber hinaus zunehmend eigene, von den Duellen anderer gesellschaftlicher Gruppen abweichende Züge an.“

Die einfache Schlägermensur

Zwar trugen Studenten ihre Händel immer wieder auch wie Offiziere per Säbel oder Pistole aus, dennoch dominierten im Laufe des 19. Jahrhunderts die Schlägermensuren, die nichts mit den ernsten Ehrenhändeln zu tun hatten. Sie zeichneten sich durch Schutzkleidung (wattierte Paukhose, später lederner Paukschurz; Paukhandschuh; Halsbandage, ...) und eine größere Öffentlichkeit aus. So wohnten einer Mensur nicht nur Ärzte, Secundaten und ein Unparteiischer bei, sondern auch Spectanten der verschiedenen Bünde. Die vermehrten Schutzmaßnahmen wurden durch die größere Wucht der Hiebe beim Hiebcomment nötig. Aus ersten Seidentüchern um die Schlagadern wurden wattierte und später lederne Kleidungsstücke. Bis 1850 wurde eine mit Draht verstärkte Kopfbedeckung getragen. Die Paukbrille zum Schutz der Augen gibt es seit 1859. Diese Mensuren dienten auch nicht mehr der individuellen Wiederherstellung verletzter Ehre, sondern der Mehrung der Kollektivehre des jeweiligen Bundes. Das Fechten selbst wurde zunehmend starrer. Anstelle der beweglichen Partie ging es mehr und mehr ums ‚Stehen’; darum, die Hiebe des Gegners mit dem Arm zu parieren oder aber sie regungslos ohne Anzeichen von Furcht hinzunehmen. Ab ca. 1880 hatte sich die Mensur zu dem ritualisierten Waffenspiel entwickelt, als das sie heute noch betrieben wird. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts gingen die Verbindungen dazu über, Mensuren ohne zuvorige Formalbeleidigung untereinander auszuhandeln. Die Bestimmungsmensur als Beweis persönlichen Mutes und Opferwillen für den Bund war geboren. Zwar mussten auch diese harmlosen Fechtereien stets vor den Behörden verborgen bleiben, aufgrund der Tatsache, dass viele Uni-Professoren und Politiker in ihrer Studentenzeit selber gefochten haben, erfolgte die Ahndung dieses studentischen Zeitvertreibs jedoch sehr stiefmütterlich. Anhand der Verfügung für alle preußischen Unis aus dem Jahre 1870 (siehe Box rechts) ist pars pro toto zu erkennen, dass die einfache Schlägermensur mit adäquater Schutz- und Trutzkleidung staatlicherseits nicht sanktioniert worden ist.

Kaiserreich & Weimarer Republik: Für & Wider das studentische Fechten

274_grIn der wilhelminischen Epoche und der sich anschließenden Weimarer Republik erlebten das Verbindungswesen an sich und natürlich auch das akademische Fechten ihre große Zeit. Sie war neben vielen Mensuren aber auch geprägt von Streitschriften und Reichstagsdebatten für und wider das studentische Fechten. So bewertete das Reichsgericht 1880 und 1883 die Schlägermensur als Duell mit tödlichen Waffen, die Masse der Rechtsgelehrten und Strafverfolgungsbehörden schlossen sich dieser Deutung jedoch nicht an. Teilweise wiesen Staatsanwälte die örtlich Polizei sogar an, Schlägermensuren ‚zu übersehen’. Die römische Kurie, die Duelle schon immer verurteilt und mit Exkommunikation geahndet hatte, weitete diese Maßnahme 1890 auch ausdrücklich auf die Schlägermensuren aus, was jedoch viele Katholiken bis heute nicht vom Mensursport abhält. Die Protestantische Kirche, die mit den staatstragenden Kräften dieser Zeit weit mehr verzahnt war, zeigte sich im Hinblick auf die Bewertung der Mensur gespalten, da auch etliche hohe protestantische Würdenträger korporiert waren oder sich aufgrund ihres Adelsstandes Forderungen gestellt hatten.
Verschärft wurden die tagespolitischen Diskussionen über die Mensur noch durch die im Laufe der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vermehrt gegründeten Verbindungen, die die Mensur ablehnten, sich also als nichtschlagend definierten, und keine Satisfaktion gaben. Diese mussten sich von Seiten der fechtenden Bünde stets den Vorwurf der Feigheit machen lassen. 1902 entstand im Deutschen Reich eine Anti-Duell-Liga, der auch 117 Verbindungen zugehörten. Erst die allen Studenten gleiche Erfahrung an den Fronten des 1. Weltkrieges vermochte die Unstimmigkeiten der Korporationen zu beseitigen. Die Schlagenden erkannten, dass Nichtschlagende nicht zwingend feige sind und auch letztere nahmen erstere in der Extremsituation des Krieges als gute Kameraden und nicht mehr ideologische Gegner war. So kam es im Jahre 1921 zwischen diesen beiden Fraktionen zum Erlanger Verbändeabkommen, in dem erklärt wurde, dass das Ablehnen von Duellen nicht unehrenhaft sei.

Nach 1933

Diese Ehrenerklärung hatte über das Ende des Verbändeabkommens im Jahre 1933 Bestand. In diesem Jahr wurde auch erstmals das Mensurverbot aufgehoben, wodurch sich die NS-Machthaber das Wohlwollen der konservativen akademischen Elite versprachen. Zwei Jahre später, 1935, wurde dann das Strafgesetzbuch um §210a ergänzt, der besagte, dass Schlägermensuren straflos seien. Die Nazis „versuchten eine Reform des Schlägerfechtens, im sportlichen Sinne durch Einführung des leichten Florentiner-Säbels bei beweglicher Mensur <...>“ (Golücke, F. : Die Fuxenstunde., S.123). Diese wurde 1937 zu Pflicht gemacht, jedoch ist nicht klar, ob sie jemals gefochten wurden, denn im gleichen Jahr wurden Mensuren per se vom Reichstudentenführer untersagt.
Der Reformversuch war gescheitert. Schon während des 2. Weltkrieges gingen die Korporationen – die unter dem Mantel von NS-Kameradschaften weiter existierten – teilweise wieder zum tradierten Mensurfechten über.

Nach 1945

Nach dem Zweiten Weltkrieg hoben die Alliierten die nationalsozialistische Strafloserklärung der Mensur auf. Dieses Verbot hatte bis 1953 Bestand. Dann fand der so genannte ‚Göttinger Mensurenprozess’ nach zweijähriger Verhandlungszeit vor dem Bundesgerichtshof seinen Abschluss. In ihrer Urteilsbegründung rechtfertigten die BGH-Richter ihren Freispruch eines Waffenstudenten von der Anklage des Zweikampfes und der Körperverletzung damit, dass eine Mensurverletzung zwar eine Körperverletzung darstelle, diese jedoch mit Einwilligung geschehe und somit straffrei zu bleiben habe. Darüber hinaus wurde die Mensur als nicht sittenwidrig eingestuft. Seit diesem Urteil steht das akademische Fechten auf einer Stufe mit anderen Sportarten, bei denen Verletzungen vorkommen können, seitens der Sportler jedoch wissentlich in Kauf genommen werden.